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Nachlese "Dezentrale Niedertemperaturnetze - Teil 1"

Am 12.05.2021 fand Teil 1 der vom Land Steiermark ausgerichteten Ich tu’s-Veranstaltungsreihe „Dezentrale Niedertemperaturnetze“ statt. Rund 100 TeilnehmerInnen lauschten den Referenten aus Deutschland und der Schweiz.

In den einleitenden Begrüßungsworten von Fr. Landesrätin Mag. Ursula Lackner betonte sie, dass die Mammutaufgabe eines Ausstiegs aus fossilen Energieträgern völlig neue Wege fordert. Die Dekarbonisierung des Wärmesektors ist dabei ein zentraler Eckpfeiler zur Erreichung der Klimaziele – immerhin ist Wärme für rund 50 % des Energieverbrauchs in der Steiermark verantwortlich. Da dem Erfahrungs- und Wissensaustausch zu alternativen Wärmeversorgungslösungen und Best-Practice-Beispielen eine besondere Bedeutung zukommt, wurde diese Veranstaltungsreihe durch das Land Steiermark ins Leben gerufen. Auch Dieter Preiß vom Referat Energietechnik und Klimaschutz des Landes Steiermark erinnerte noch einmal an das Energieeffizienzziel und wies auf die Maßnahme des KESS-Aktionsplans hin, die der Veranstaltungsreihe „Dezentrale Niedertemperaturnetze“ zugrunde liegt.

Im Anschluss begann der Vortragsteil der Veranstaltung mit dem ersten Redner, Thomas Giel. Thomas Giel ist Professor für Technisches Gebäudemanagement an der Hochschule Mainz. Er ist Experte für Kalte Nahwärme und optimierte Energieversorgung von Gebäuden. In seinem Vortrag ging er auf das allgemeine Funktionsprinzip von kalten Nahwärmenetzen sowie Vorteile und Risiken ein und präsentierte zahlreiche Betriebsbeispiele aus Deutschland. Besonders hervorgehoben wurde dabei die „Vohbachsiedlung Markt Burgheim“ sowie das Konzept zur Entwicklung eines innovativen kalten Nahwärmenetzes für ein Bestandsquartier in Schifferstadt.

Aus der Schweiz waren Stefan Illien und Florian Eigner von der IBC Chur live dabei. Die IBC Energie Wasser Chur betreibt 7 Wärme-/Kältenetze im Kanton Graubünden in der Schweiz, davon das Anergienetz Chur West sowie den Wärmeverbund ARA mit Abwärmeauskopplung aus der Kläranlage. Stefan Illien arbeitet bei der IBC und ist der Leiter des Bereichs "Technik & Netze". Florian Eigner ist Betriebs- und Prozessingenieur bei der IBC und stellvertretender technischer Leiter Gas, Wasser, Wärme. In ihrem Vortrag erläuterten die Referenten den Weg zur Vision „Chur 100 % erneuerbar“ sowie die geplante strategische Umsetzung und erklärten wichtige Kennzahlen zum bidirektionalen Niedertemperaturnetz Chur West und der Abwärmeauskopplung aus der Kläranlage. Da die IBC die Anlagen selbst betreibt, können die Betriebserfahrungen direkt in neue Projekte einfließen und so auch die bestehenden Netze laufend optimiert werden.

Im dritten Vortrag präsentierte Sascha Bub (Stadtwerke Schifferstadt, Bereichsleitung „Wärme-Kälte-Klima“), Erfahrungen aus dem operativen Betrieb des Kalten- Nahwärmenetzes Schifferstadt. Seit 2016 betreiben die Stadtwerke Schifferstadt in Rheinland-Pfalz am 2 Hektar großen Baugebiet Max-Ernst-Straße ein „kaltes Wärmenetz“ auf Basis von 28 Erdsondenbohrungen mit je ca. 99 m Tiefe und dezentralen Wärmepumpen. Diese versorgt die angeschlossenen Häuser nicht nur mit Wärme sondern auch mit Kälte zur Kühlung im Sommer. Innovativ ist nicht nur die Technologie zur Wärme- und Kältebereitstellung, sondern auch die einfache Abrechnung als Wärme-/Kälte-Flatrate, gestaffelt nach Wohnflächengröße der angeschlossenen Gebäude. In der Betriebskonstellation wurden bisher Jahresarbeitszahlen von über 4,5 festgestellt.

Dirk Pietruschka von der Hochschule für Technik Stuttgart koordinierte und begleitete das Projekt „Agrothermie Wüstenrot“ wissenschaftlich und brachte ein Fazit aus den ersten Betriebsjahren mit. In Wüstenrot werden in der Agrothermie-Siedlung seit 2012 23 Einfamilien- und Reihenhäuser mit dezentralen Wärmepumpen über ein „kaltes Wärmenetz“ mit Wärme und Kälte versorgt. Die Jahresarbeitszahl für das gesamte Gebiet liegt bei etwa 4,4.  Das Projekt hat gezeigt, dass eine CO2-neutrale Versorgung mit Wärme, Strom und Kälte in der Jahresbilanz in Neubauquartieren machbar ist und dass die Erdreichkollektoren leistungsfähiger als ursprünglich angenommen sind. Durch die Einbindung von Abwärmequellen (Abwasser, Kälteanlagen) entstehen interessante Win-Win-Situationen und diese Wärmeversorgungslösung ist besonders in Gebieten mit heterogenen Lastfällen (gleichzeitige Heiz- und Kühlanwendungen) hoch interessant. Aufgrund der Tiefe der Kollektoren (rund 2 m) wurden keine Einwirkungen auf die Bodenflora- und Faune festgestellt.

Die einzelnen Vorträge sind unter den nachfolgenden Links abrufbar. Für weitere Fragen stehen Ihnen die Referenten gerne per Mail zur Verfügung:

 

Wir bedanken uns bei Fr. Landesrätin Lackner sowie bei allen Referenten für die Zeit und die spannenden Vorträge.

Die Videoaufzeichnung der Vorträge steht Ihnen HIER zur Verfügung. Weitere Informationen sowie aktuelle Beratungsangebote des Landes Steiermark finden Sie unter https://www.ich-tus.steiermark.at.

Die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe folgt am 20. Oktober 2021 von 14-16 Uhr mit österreichischen Pilotprojekten!