Warum unsere E-Mails, Clouds und Videokonferenzen nicht so „immateriell“ sind, wie wir glauben

Digitale Kommunikation wirkt sauber. Keine Fabriken, kein Rauch, keine Transportwege.
Doch hinter jeder E-Mail, jedem Cloud-Dokument und jeder Videokonferenz steckt eine physische Infrastruktur aus Rechenzentren, Netzwerken und Endgeräten – mit einem messbaren CO2-Fußabdruck.
Green IT beschäftigt sich genau mit dieser Frage: Wie können IT-Systeme ressourcenschonend produziert, betrieben und entsorgt werden?

Der Mythos vom „grünen Digitalen“

Die Informations- und Kommunikationstechnologie verursacht inzwischen etwa 4 % der globalen CO2-Emissionen – ein ähnlicher Anteil wie die Luftfahrtindustrie. Ein zentraler Treiber sind Rechenzentren, deren Energiebedarf kontinuierlich steigt, weil immer mehr Daten verarbeitet, gespeichert und übertragen werden. Digitale Technologien sind damit längst kein immaterieller Bereich mehr – sie sind Teil der globalen Infrastruktur.

Die CO2-Emissionen digitaler Kommunikation

E-Mails
Eine einzelne E-Mail wirkt harmlos – in der Summe ist sie es nicht.

  • Einfache Text-E-Mail: etwa 0,3–4 g CO2
  • E-Mail mit großen Anhängen: bis zu 50 g CO2
  • E-Mail mit Videoanhängen: bis zu 200 g CO2

Bei weltweit über 330 Milliarden E-Mails pro Tag summieren sich diese Emissionen erheblich.
Ein durchschnittlicher Büroangestellter verursacht allein durch E-Mails mehrere Kilogramm CO2 pro Jahr.

Cloud-Speicher
„Die Cloud“ ist letztlich ein Netzwerk aus Rechenzentren. Jedes gespeicherte Dokument muss auf Servern gespeichert, gesichert und jederzeit abrufbar gehalten werden. Je mehr Daten dauerhaft gespeichert werden, desto mehr Infrastruktur muss dauerhaft laufen. Das führt dazu, dass digitale Datenspeicherung dauerhaft Energie benötigt – auch dann, wenn die Daten selten genutzt werden.

Videokonferenzen
Videokonferenzen gehören zu den datenintensivsten digitalen Anwendungen. Während eines Video-Meetings laufen gleichzeitig:

  • Endgeräte (Laptop, Smartphone)
  • Netzwerkinfrastruktur
  • Server und Rechenzentren

Je länger Meetings dauern und je höher die Videoauflösung ist, desto höher wird der Energieverbrauch.

Green IT im Alltag: Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung

Viele Maßnahmen kosten nichts – außer Aufmerksamkeit.
Praktische Beispiele:

  • Unnötige E-Mails und große CC-Verteiler vermeiden
  • Anhänge durch Cloud-Links ersetzen
  • Videokonferenzen ohne Kamera durchführen, wenn Video nicht notwendig ist
  • Daten regelmäßig archivieren oder löschen
  • Geräte länger nutzen statt frühzeitig ersetzen
  • Geräte komplett ausschalten statt dauerhaft im Standby zu lassen

Green IT beginnt nicht im Rechenzentrum – sondern im digitalen Verhalten jedes Einzelnen.

Nachhaltige Beschaffung in der IT

Ein besonders großer Hebel liegt in der Beschaffung von IT-Hardware. Die Produktion von Elektronik verursacht erhebliche Umweltbelastungen durch Rohstoffabbau, Energieverbrauch und Elektroschrott. Deshalb lohnt es sich, bei neuen Geräten gezielt auf Nachhaltigkeitslabels zu achten. Mehrere international etablierte Zertifikate helfen dabei.

Besonders aussagekräftige Nachhaltigkeitslabels

Blauer Engel
Der Blaue Engel ist eines der ältesten Umweltzeichen weltweit und wird in Deutschland vergeben. Er zeichnet Geräte aus, die besonders hohe Anforderungen erfüllen, z. B.:

  • niedriger Energieverbrauch
  • geringe Schadstoffbelastung
  • langlebige und reparierbare Bauweise
  • gute Recyclingfähigkeit

Das Label gilt als besonders streng und wird unter anderem für Computer, Drucker, Server oder IT-Zubehör vergeben.

TCO Certified
TCO Certified ist ein international anerkanntes Nachhaltigkeitslabel für IT-Hardware. Es bewertet nicht nur Umweltaspekte, sondern auch soziale Kriterien in der Produktion, zum Beispiel:

  • Einhaltung von Arbeitsrechten und ILO-Standards
  • Reduzierung gefährlicher Stoffe
  • Energieeffizienz
  • Ergonomische Anforderungen

Das Label wird regelmäßig aktualisiert und gilt als eines der strengsten Zertifikate für IT-Hardware.

EPEAT
EPEAT (Electronic Product Environmental Assessment Tool) bewertet IT-Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus. Geprüft werden u. a.:

  • Energieeffizienz
  • Materialwahl
  • Reparierbarkeit
  • Recyclingfähigkeit
  • Verpackung und Transport

Geräte werden in Bronze, Silber oder Gold eingestuft.

Labels mit begrenzter Aussagekraft

Energy Star
Das Energy Star-Label konzentriert sich vor allem auf Energieeffizienz im Betrieb. Es sagt jedoch wenig über:

  • Produktionsbedingungen
  • Rohstoffe
  • Reparierbarkeit
  • Recyclingfähigkeit

Deshalb ist es sinnvoll, Energy Star in Kombination mit anderen Labels zu betrachten.

CE-Kennzeichnung
Das CE-Zeichen wird häufig missverstanden. Es ist kein Umweltlabel, sondern lediglich ein Hinweis darauf, dass ein Produkt die gesetzlichen Mindestanforderungen der EU erfüllt. Für nachhaltige Beschaffung hat es daher nur begrenzte Aussagekraft.

Praktische Tipps für nachhaltige IT-Beschaffung

Unternehmen können ihre IT deutlich nachhaltiger gestalten, wenn sie bei der Beschaffung einige Grundregeln beachten:

  1. Geräte möglichst lange nutzen und reparieren
  2. Refurbished Hardware in Betracht ziehen
  3. Produkte mit TCO Certified, EPEAT oder Blauem Engel bevorzugen
  4. Geräte wählen, deren Komponenten austauschbar sind
  5. Hersteller wählen, die Rücknahmeprogramme für Altgeräte anbieten

Nachhaltige IT beginnt nicht nur im Betrieb – sondern bereits bei der Kaufentscheidung.

Fazit

Digitale Technologien sind keineswegs immateriell, sondern verursachen entlang ihrer gesamten Infrastruktur erhebliche CO2-Emissionen. Durch bewusstes Nutzungsverhalten und nachhaltige Beschaffung können jedoch sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen einen wirksamen Beitrag zur Reduktion dieser Umweltwirkungen leisten.

Klimaneutrale Energie Agentur Steiermark